Orgeln und Orgelbauer in der Slowakei
1651 – 2006
Verzeichnis der Orgelbauer Nachfolgender Orgelbauer

Rieger


Die Gründung der Firma fällt in das Jahr 1844. Damals arbeitete in Krnov eine kleine Orgelbauwerkstatt, in der Franz Rieger, Vater der Eigentümer des zukünftigen bedeutenden Betriebs Gebrüder Rieger, tätig war.

Franz Rieger (*13. 12. 1812, Sosnová pri Krnove) lernte in Wien bei Josef Seyberth (möglicherweise auch in Andìlská Hora, Vindava und Opava). In April 1844 erwarb er ein Haus in Krnov, heiratete und wurde eingebürgert. Bis 1873 baute er angeblich 32 Orgeln mit Schleifladen und mechanischen Trakturen.

Sein älterer Sohn Otto (*3. März 1847, in Krnov) lernte zunächst beim Vater, dann ging er nach Wien zu Josef Ullmann, später über Bamberg nach Würzburg, wo er bei Martin Schlimbach arbeitete. Denselben Weg verfolgte auch sein jüngerer Bruder Gustav, (*1. 8. 1848, Krnov). Nach der Rückkehr der Söhne nahm sie ihr Vater in seinen Betrieb auf, den er „Franz Rieger & Söhne“ nannte. Nachdem er ihnen in 1873 die Firma übertrug, arbeietete er mit ihnen noch bis 1880. Franz Rieger starb in Krnov am 29. 1. 1885. Für Beiträge zur Entwicklung des Orgelbaues wurde er mit dem Goldenen Verdienstkreuz mit Krone ausgezeichnet.

Die Firma Gebrüder Rieger entstand in1873. Von dieser Zeit wurden ihre Orgeln mit Opuszahlen ab Nr. 1 bezeichnet. Die Brüder Otto und Gustav kamen nach ihren Erfahrungen in Deutschland zu Entschluß einen modernen Betrieb mit neuester Einrichtung und Maschinen aufzubauen, um auch im Ausland konkurrieren zu können. Gleich ihre erste Orgel, Opus 1, stellten sie auf der Weltausstellung 1873 in Wien aus und erzielten positiven Anklang. Wesentlich für die zukünftige Entwicklung der Firma war der Erfolg ihrer zwei auf der pariser Weltausstellzung vorgeführten Orgeln. Auf beiden Austtellungen erzielten sie ausser der Preisverleihungen (1873 Fortschrittsmedaille, 1878 Goldmedaille, Diplom der pariser Nationalakademie, Österreichisches Verdienstkreuz), auch wichtige internationale Anerkennung.

In 1879 begann in Krnov die Errichtung neuer Fabriksgebäude auf einer Fläche von 15 000 m2, die in späteren Jahren noch erweitert wurde. In 1884 enthielt der Betrieb einen Arbeitssaal für 80 – 100 Arbeiter, einen großen Orgelsaal in dem zugleich mehrere große Orgeln aufgestellt werden konnten, Räume für Lederverarbeitung, für Stimmer, Metallverarbeiter, Zinngießer, Harmoniumbaumeister, ausgedehnte Holzlagerstätten. Die modernsten Maschinen, einschliesslich der Winderzeuger und elektrischer Dynamos wurden duch eine Dampfmaschine mit 30HP angetrieben. Mit Dampf wurden auch die Fabrikräume beheizt und das Holz getrocknet. Das Dynamo lieferte Strom für die 8 Bogenlampen und die Beleuchtung der Fertigungsräume. Für die Angestellten wurde ein Wohnhaus gebaut und eine eigene Krankenversicherung eingerichtet. Der Erfolg auf den Ausstellungen brachte bald auch viele ausländiche Aufträge. Die zahlreichen Bestellungen aus allen ehemaligen ungarischen Gebieten, zu welchen auch die Slowakei gehörte und der internationale Aufschwung der Firma führten zum Ende des 19. Jh. zur Eröffnung einer Filiale in Budapest, die zunächst Einzelteile und Ersatzteile fertigte und montierte, später auch ganze Orgeln baute. Otto Rieger wurde zum K. und K. Hoforgelbauer ernannt, mit dem Ritterorden ausgezeichnet und von Papst Leo XIII mit dem Orden des Hl. Grabes geehrt. Die erste Aera der Firma endet mit dem Tode Otto Riegers am 12. 12. 1903 in Wien. Sein Bruder und Teilhaber Gustav zog sich zurück, übergab den Betrieb dem Neffen Otto Rieger Junior, und starb 1905 in Wien.

Otto Rieger Junior (*22. 5. 1880 Krnov) erlernte den Orgelbau in Vaters Betrieb und beabsichtigte eine Studienreise nach Paris und Amerika anzutreten. Der vorzeitige Tod seines Vaters verhinderte dies, und er mußte als 23-Jähriger die Firma übernehmen. Im Jahre 1909 wurde er zusammen mit den Orgelbauern Josef Ullmann und Heinrich Schiffner in den Arbeitsausschuss der Orgelsektion der Internationalen Musikgesellschaft berufen, die einen Internationalen Regulativ für Orgelbau vorbereitete. Auch er erlangte mehrere Auszeichnungen, den Titel des Hoflieferanten und während seines Wirkens erzielte der Betrieb einen weiteren Aufschwung, der erst durch den I. Weltkrieg unterbrochen wurde. Danach gelang es ihm nicht mehr die Tätigkeit zu erneuern und er starb vorzeitig am 20. 12. 1920. Die Leitung wurde an Ing. Josef von Glatter-Götz übertragen, der zunächst Prokurist und ab 7. 11. 1924 auch Inhaber der Firma wurde.

Josef von Glatter-Götz (*17. 11. 1880, Krnov). Nach dem Studium an der Militärakademie strebte er eine militärische Laufbahn an. Nach dem ersten Weltkrieg wechselte er in Zivil und lernte Orgelbau bei Gebrüder Rieger. Die Firma leitete er bis 1945. Er starb 12. 2. 1948 in Schwarzach.

In der Nachkriegszeit wuchs die Firma und vergrößerte die Angestalltenzahlen auf 100 – 160. Glatter-Götz errichtete auch eine neue Filiale im Ort Mokré, daneben arbeitete auch der erfolgriche Zweitbetrieb in Budapest. In der Firma betätigten sich auch seine Söhne Egon (24. 6. 1911 Wien – 8. 9. 1940 Polen) und Josef (15. 12. 1914 Wien – 1. 5. 1989).

Der zweite Weltkrieg griff ungünstig in die Tätigkeit der Firma ein, da viele Angestellten einrücken mußten und die Produktion auf die Kriegsindustrie umgestellt wurde. Neue Orgeln wurden nur in sehr begrenzter Zahl hergestellt. Kurz vor Kriegsende wurden die Filialen in Budapest und Mokré vernichtet. Nach dem Kriege aus Krnov ausgesiedelt, eröffnete er mit den emigrierten Mitarbeitern eine neuen Betrieb in Schwarzach, der als Orgelbau-Rieger weiterhin tätig ist. Die alte Firma wurde verstaatlicht.

Orgelbauwerkstatt

Der Betrieb Gebrüder Rieger war von seiner Entstehung in 1873 auf die modernsten zeitgenössischen Strömungen im Orgelbau ausgerichtet und setzte sie in die eigene Produktion ein. Dabei schränkte er sich nicht nur auf schroffe Übernahme von bereits vorhandenen Patenten ein, sondern durch eigene technische Lösungen und Verbesserungen trug der Betrieb zur Entwicklung der Orgelbaukunst seiner Zeit maßgeblich bei.

Im ersten Zeitabschnitt (1873 – 1920), durch Familienmitglieder geleitet, expandierte der Betrieb beträchtlich. In den 1900er Jahren betrug seine Produktion durchschnittlich 90 Orgeln pro Jahr. Seinen Höhepunkt erreichte der Betrieb in 1912, als 105 Orgeln gebaut wurden. Ein Jahr später erstellte die Firma für das Konzerthaus in Wien ihr größtes Instrument: eine 5-manualige Orgel mit 116 Registern. Einen bedeutenden Anteil an der angewachsenen Zahl neugebauter Orgeln brachte die 1880 patentierte Erfindung sog. Kombinationsregister, die mittels dazugebauter 12 Töne das Errichten weiterer 2 Register ermöglichte. Die Ersparnis an Material und am Endpreis machte die Orgeln auch für weniger begüterte Kunden zugänglich und stellte der Firma mehrere Aufträge sicher.

Im erwähnten Zeitraum wurden vorwiegend Orgeln mit Kegelladen gebaut. Der zeitweilige Versuch (1895 – 1903) mit Abstromladen hat sich aber nicht bewährt und wurde bald verlassen. Trakturen baute man eine Zeitlang vorwiegend mechanisch (1873 – 1895), einige größere 2- und 3-manualigen Orgeln verfügten über Barkerhebel. mehr »»

Text: Marek Cepko

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Das technische Büro des Betriebs Gebrüder Rieger. Im Hintergrund der Betriebs-Hauptkonstrukteur und -technikdirektor Gustav Rieger.