Orgeln und Orgelbauer in der Slowakei
1651 – 2006
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Rieger-Kloss


Die Firma Rieger-Kloss entstand durch das Zusammenlegen zweier verstaatlichten Orgelbaubetriebe, des ehemaligen Betriebes der Gebrüder Rieger und einer kleineren Firma mit lokaler Bedeutung Josef Kloss, die beide in Krnov tätig waren. Die Firma Gebrüder Rieger löste sich auf, als ihre Eigentümer Josef von Glatter-Göetz mit seiner Familie und mit deutschen Mitarbeitern nach dem Kriege das Gebiet der Tschechoslowakei verlassen mußten. Der Betrieb kam unter eine „nationale Verwaltung“, zu einstweiligen Leitern wurden Jan Tuèek und Rudolf Nevoral. In 1947 wurden mit der Direktion die Firma „Èeskoslovenské závody døevozpracující, n. p., Praha“, betreut und im Jahre 1948 wurde ein neuer Betrieb „Továrny na piana a varhany“ gegründet, in den auch alles Eigentum der vorhin verstaatlichen Orgelbaubetriebe einfloß. Bereits nach einem Jahr wurde der Betrieb erneut zerteilt, in eine Klavier- und eine Orgel-fabrik „Továrny na piana, n. p.“ und „Továrny na varhany, n. p.“ Der zweite wurde mit dem neugegründeten Unternehmen „Èeskoslovenské hudební nástroje“ verbunden und nun als Tochterbetrieb „Varhany“ (Orgel) weitergeführt. Nach vielen organisatorischen und verwaltungsbedingten Veränderungen normalisierte sich die Lage in den 50. Jahren des 20. Jh. Die Produktion litt schwer unter dem Mangel qualifizierter Mitarbeiter, da viele mit dem ehemaligen Eigentümer Glatter-Götz nach Österreich emigrierten. mehr »»

Orgelbauwerkstatt

Um das Produktionsprogramm einzuhalten, musste sich der Betrieb in den ersten Jahren mit existenziellen Problemen auseinandersetzen und ökonomische Verhältnisse stabilisieren. In den Nachkriegsjahren, als zu dem Kräftemangel noch erhebliche Rohstoffknappheit dazukam, versuchte man an das ältere Produktionsprogramm der Gebrüder Rieger anzuknüpfen. Es wurden Orgeln mit Kegelladen, pneumatischer Traktur und romantischer Intonation gebaut. Wegen komplizierter ökonomischer Verhältnisse und Mangel an Erfahrungen war es unmöglich, die Produktion auf Orgeln mit mechanischer Traktur und Schleifladen umzustellen, obwohl diese im Ausland schon mehrere Jahrzehnte entwickelt wurden. Der Vorläufer von Rieger-Kloss, die Firma Gebrüder Rieger, begann solche Instrumente um 1940 zu entwickeln, während des Zweiten Weltkrieg wurde die Entwicklung jedoch zum Stillstand gebracht. Entwicklungsmitarbeiter verließen die Firma in 1945 und folgten Josef Glatter-Götz nach Österreich.

Bis 1958 baute man Orgeln vorwiegend mit Kegelladen und pneumatischen Trakturen. Vor allem größere Orgeln waren elektropneumatisch ausgestattet. Daneben wurden auch Multiplexorgeln mit elektrischer oder pneumatischer Traktur hergestellt, doch in wesentlich geringerer Anzahl. Dispositionen nach dem Werkprinzip wurden erst durch die Zusammenarbeit mit E. Riegler und J. Reinberger eingeführt. Die beanspruchte Klangqualität von Orgeln mit Schleifladen und niederem Luftdruck wurde jedoch nicht erreicht.

Wertvolle Kenntnisse über die Konstruktion von Schleifladen, mechanischer Trakturen und Pfeifenintonation, die sich Ing. Veverka und J. Reinberger während ihrer Auslandsreise in 1956 aneigneten, spiegelten sich bald im Produktionsprogramm des Betriebs wider. Die erste Orgel mit 3-Manualen, Schleifladen, einer elektropneumatischen Traktur und niederem Luftdruck wurde 1958 im Auftrag der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Prag gebaut. Dieser Orgeltyp wurde zunächst ein Exportgut, vor allem nach Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Dem Inlandsmarkt dominierten Orgeln mit Kegelladen und pneumatischer Traktur oder Multiplexorgeln.

Obwohl der Betrieb am Ende der 50er Jahre Erfahrungen mit der Herstellung von Großorgeln mit Schleifladen und elektrischer Traktur machte, blieb das Problem der Konstruktion von mechanischen Trakturen ungelöst. In 1963 wurde der Prototyp einer kleinen 1-manualigen Orgel mit Pedal mit mechanischer Tontraktur und 5 Registern konstruiert. Ein Jahr später entstand eine 2-manualige Orgel mit 10 Registern. Folglich wurden nicht nur für Ausland, sondern auch für Inland ziemlich viele Orgeln mit mechanischer Tontraktur und 9 bis 14 Registern hergestellt. In 1971 baute der Betrieb Rieger-Kloss seine erste 3-manualige Orgel, Opus 3396, mit mechanischer Tontraktur, die nach Norwegen geliefert werden sollte. Während der Bauarbeiten, die in den 60er Jahre anfingen, erwiesen sich als notwendig mehrere Konstruktionsänderungen an den Windladen (Schwimmerausgleichbalg im unteren Teil des Ventilkastens, teleskopische Schleifendichtung) und Trakturen, an dem Spieltisch und an der Windanlage, sowie auch Veränderungen an der Gesamtgestaltung von Werk und Orgelgehäuse. Alternative Materialien wie Kunststoff und Leichtmetall kamen immer öfter zur Geltung.

Ab den 60er Jahren sinkt allmählich die Anzahl der Orgel mit Kegelladen, in den 80er Jahren kommen sie nur sehr selten vor. Die letzte Orgel wurde vom Betrieb Rieger-Kloss 1992 gebaut. Zu derselben Zeit stieg im Gegenteil die Anzahl der Orgel mit Schleifladen an, ab den 70er Jahren hauptsächlich mit mechanischer Tontraktur ausgestattet. Die Multiplexorgeln wurden vereinzelt praktisch bis zum Ende der 90er Jahre gebaut, ab 1960 fast ausschließlich mit elektrischer Tontraktur. In den nach USA gelieferten Orgeln kommen ab 1995 digitale Sampleregister vor.

Text: Marek Cepko

Orgeln               Fotogalerie              
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Die Infobroschüre anlässlich der Konzertorgelherstellung.